Kaiserslautern

Kaiserslautern
Posts mit dem Label Bruno Labbadia werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Bruno Labbadia werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 15. November 2014

Tagebuch eines Fußballwunders

1991



















Kalli, wie hast du das gemacht?

Kaiserslautern Tabellenführer mit den meisten Toren.

7:3 in Uerdingen mit dem schweren Europacup-Spiel in den Knochen

1990


























Kalli, wie hast du das gemacht? 


Kalli Feldkamp (56) verteilte in dieser Woche nur Körbe. Keine Fernsehauftritte, keine Interviews. Feldkamp: „Vor dem Spiel gegen Leverkusen kann ich keinen Wirbel gebrauchen." Ganz Deutschland spricht über den FCK — der Macher aber schweigt.

Seit Feldkamps Rückkehr nach Kaiserslautern ist die Pfalz wieder wer im Fußball. Nur Bayern holte seit dem 1. März mehr Punkte (30:8) als Kaiserslautern (26:12). Während die Bayern über Europacup-Müdigkeit klagen (Augenthaler: „Nikosia hat ganz schön geschlaucht"), gewinnt der FCK in Uerdingen 7:3. Vizepräsident Geye: „Das Spiel gegen Genua war keine Belastung, sondern Motivation. Da hat sich jeder international profilieren können und neues Selbstvertrauen bekommen."

Feldkamp ist ein Motivation-Künstler. Stefan Kuntz erklärte es im ZDF-„Sport-Studio” so: „Bei einem Fußballer sind 30 Prozent Talent, 30 Prozent Arbeit und 40 Prozent mentale Einstellung." Die 40 Prozent hat Feldkamp bei jedem Lauterer herausgekitzelt.

Was ist das Geheimnis seiner Erfolge? Es ist nicht das Training. Ein Kenner: „Kalli trainiert wie vor 25 Jahren." Es ist nicht die Taktik — Feldkamp läßt noch immer die veraltete Manndeckung spielen. Von wissenschaftlicher Trainingslehre hält Feldkamp wenig. Aber überall hat er Erfolg.

• Kaiserslautern führte er von 1978 bis 1982 vier Jahre in den UEFA-Cup — so gut war der FCK weder vorher noch nachher in der Bundesliga.

• Mit Dortmund stand er auf Platz drei. Als er im April 1983 gefeuert wurde, verspielte der BVB den UEFA-Cup-Platz.

• Bielefeld führte er 1984 auf Platz acht, ein Jahr später stieg Arminia ab.

• Mit Uerdingen wurde er 1985 Pokalsieger, stand im Europacup-Halbfinale.

• Mit Frankfurt wurde er 1988 Pokalsieger.

Das alles kann kein Zufall sein. Auch nicht der Pokalsieg mit Kaiserslautern und Platz eins in der Bundesliga. 20 Tore hat der 1. FCK geschossen, sechs mehr als die Bayern.

Rainer Geye: „Er macht einfach zur richtigen Zeit das Richtige." Kalli Feldkamp - ein Bauchmensch, der intuitiv entscheidet. Richtig entscheidet.  Er hat Foda verkauft (für zwei Millionen Mark nach Leverkusen), Emig, Hoos und Sommer aussortiert. Er hat mit Kadlec und Ernst zwei Spieler verpflichtet, die Führungsqualitäten besitzen. Er nimmt keine Rücksicht auf große Namen. Und er überrascht mit seinen Aufstellungen. In Uerdingen spielte plötzlich der Däne Bjarne Goldbæk, der ein halbes Jahr auf dem Abstellgleis stand. Rainer Geye: „Wer im Training spurt, der wird aufgestellt. Weil das alle wissen, wird sich voll reingekniet."

Selbst die Ausfälle von Labbadia (Virusinfektion), Stumpf (Lungenriß), Ernst (Zerrung) und Roos (Sperre) kann Kaiserslautern auffangen. Dafür sprangen in Uerdingen Hoffmann, Haber und Goldbæk ein. Marco Haber (19) war beim Sieg gegen Sampdoria Genua dabei. Das hat sein Selbstvertrauen gestärkt. „Selbst junge Burschen wie Marco spielen bei uns 120 Prozent", sagt Geye. Der Vizepräsident war es, der Feldkamp aus Ägypten zurück in die Pfalz holte.

Ulrich Kühne-Hellmessen (September 1990)

Freitag, 14. November 2014

DFB-Pokal: Warum Kaiserslautern siegte, warum Bremen versagte

1990 


 





Wer fürchtet sich vorm Betzenberg? Alle! Warum? ...

Der Höllentanz der 30000 Roten Teufel

2. Oktober 1990




Die Mitspieler konnten es schon nicht mehr hören. Die ganze Woche hatte Franco Foda gewarnt. "Laßt euch von den Fans nicht verrückt machen, forderte der ehemalige Kaiserslauterer, mittlerweile in Diensten von Leverkusen. Mein Gott, so schlimm kann es wohl nicht sein, machten sich die Bundesliga-Neulinge Ulf Kirsten und loan Lupescu vor dem Spiel am Betzenberg gegenseitig Mut. Hinterher sagten sie kein Wort mehr. Ganz anders Uwe Scherr (24), Mittelfeldspieler des Tabellenführers. Nach dem 2:1 Sieg nippt er im Burg-Restaurant in Kaiserslauterns Altstadt an seinem Bier und stammelt immer wieder: „Wahnsinn. Das gibt's nur hier." Ein Fan seiner Fans.

Der Betzenberg in Kaiserslautern. Vier Schritte sind es von der Seitenauslinie bis zur Tribüne. 38 500 Fans passen rein, 36 897 sind gegen Leverkusen gekommen. Das Fritz- Walter-Stadion: ein Hexenkessel, in dem durchschnittlich 30000 Rote Teufel zum Höllentanz einladen. Und der Oberteufel sitzt am Mikrofon. Udo Scholz, 51 Jahre, seit 18 Jahren die Stimme Lauterns. Er ist kein Stadionsprecher, er ist ein Animateur, der in jedem Robinson-Club Bestnoten bekäme. Sein Erfolgsgeheimnis: keine Selbstdarstellung - er fordert die Fans zum Mitmachen auf. Workshop Betzenberg. Das geht beider Aufstellung los. Schulz: »Wir begrüßen unsere Nummer eins, Unseren Geryyy ..."- und denn brüllt das ganze Volk „Ehrmann". So geht's bis zur »Nummer elf, Stefaaan ... Kuntz".

Dann will der Udo erst einmal die Welle la Ola sehen. Seite stärkste Waffe - die Westkurve, die eigentlich eine Gerade ist. Doch der Name blieb auch nach dem Umbau. Tradition wird in der Pfalz großgeschrieben.

Wenn's nicht läuft, Udo hilft. Als Leverkusen den Anschluß schafft, fordert Scholz mehr Einsatz von den Fans: „So, jetzt brauchen unsere Jungs noch einmal Unterstützung. Zeigt, daß des beste Publikum aus der Pfalz kommt. Wer das nicht begreift, kann es auf den riesigen Leuchttafeln hinter den Toren lesen, „Kämpfen Lautern... Und das ganze Stadion röhrt den Slogan.

Das Geheimnis des Hexenkessels: die Fans feuern nicht nur ihre eigene Mannschaft an, sie zerstören auch systematisch die Moral der Gegner („Vollborn, deine Frau geht fremd - die Hure!„ Oder: Bayer, „Bayer, hahaha"). Martin Kree („Sieben Spiele, sieben Niederlagen."), Jeder wünscht sich so ein Publikum. Diese Fans sind pro Saison für sieben Punkte gut"

Auch deshalb, weil sie jede Schiedsrichter-Entscheidung gegen Kaiserslautern mit wütenden Pfiffen begleiten. Sie sorgen dafür, daß auch dem schwarzen Mann das Herz in die Hose rutscht. Schiedsrichter Hermann Albrecht jedenfalls hat die Feuertaufe am Betzenberg nicht bestanden.

Zweimal patzt er gegen Leverkusen. Deutlich sich und hörbar: Erst nach Aufforderung der Fans sieht Thomas Hörster Gelb für ein Foul. Der Libero brüllt Albrecht an, daß dies Gelb auf Zuruf sei. In der zweiten Halbzeit fliegt Jorginho nach einem Rempler gegen Hotic vom Platz. Trainer Gelsdorf: „Wenn er dafür eine Geldstrafe kriegt, wäre das noch zu hart."

Dann, in der 79. Minute, eine Szene, die selbst langjährige Besucher noch nie erlebt haben, an die Uwe Scherr noch Stunden späte, im Burg-Restaurant denkt. Die Westkurve tanzt den FCK-Walzer - die ganze Tribüne bat sich in rot-weiße Schals gehüllt. Spontaner Beifall von Fans für Fans - sogar aus der Ehrenloge. 21.45 Uhr - Schlußpfiff, 2,1 gewonnen. Schulz bedankt sich artig, „Ihr seid das beste Publikum der Weit!„ Die Mannschaft läßt sich nicht lumpen - eine Ehrenrunde folgt.

Geschafft. Udos Höllenritt ist aber jedesmal eine Gratwanderung zwischen Anfeuerung und Aufwiegelung. Diesmal geht alles gut. Scholz kommt runter zur Pressekonferenz. Ein Schluck Limo, nebenbei erwähnt er: „Alles ruhig, kein Fan ist auf den Platz gerannt". Die Zuschauer aus der Pfalz - einmalig. Nur Trainer Karl-Heinz Feldkamp ist sauer auf die Fans. Er reagiert wie ein eifersüchtiger Ehemann, der in dem Publikum einen Nebenbuhler sieht In der Pressekonferenz sagt er folgendes: „Ich kam es bald nicht mehr hören. Warum spielen wir eigentlich noch? Anscheinend gewinnen nicht wir die Spiele- sondern die Fans." Hat dich der Teufel geritten, Kalli?

Jochen Coenen